Colitis ulcerosa – Ursachen der Darmerkrankung

Seit vielen Jahren arbeiten Mediziner und Wissenschaftler daran, die Ursachen von Colitis ulcerosa zu verstehen, um auf dieser Basis eine effektive Behandlungsstrategie zu entwickeln. Doch die chronisch entzündliche Darmerkrankung ist sehr komplex – sie lässt sich nicht auf einen einzigen Auslöser zurückführen. Stattdessen existieren zahlreiche Risikofaktoren, die gemeinsam den Ausbruch und den Verlauf der Erkrankung beeinflussen.

Übersicht

Ursachen für Colitis ulcerosa: Alles eine Frage der Gene?

Kohlenhydratreiches Fastfood wie Burger begünstigen Erkrankungen wie Colitis ulcerosa.

Feststeht, dass das Vorkommen einer chronischen Darmentzündung in der Familie zu den wichtigsten Risikofaktoren für die Entstehung von Colitis ulcerosa zählt. Demnach haben Menschen, die an Colitis ulcerosa leiden, in bis zu 15 Prozent der Fälle mindestens einen nahen Verwandten, der ebenfalls daran erkrankt ist1. Dass genetische Faktoren eine mögliche Ursache für Colitis ulcerosa darstellen, ist deshalb nicht von der Hand zu weisen. Dennoch ist Colitis ulcerosa keine Erbkrankheit im klassischen Sinne. Stattdessen handelt es sich bei ihr um eine sogenannte multifaktorielle, polygene Erkrankung. Das bedeutet:

  • Neben genetischen Ursachen sind auch Umwelteinflüsse (beispielsweise übermäßige Hygiene) entscheidend für den Ausbruch von Colitis ulcerosa.
  • Im Gegensatz zu sogenannten monogenen Krankheiten (beispielsweise Chorea Huntington), ist nicht nur ein Gen involviert, sondern eine variable Anzahl unterschiedlicher Risikogene.
  • Erst die Kombination aus mehreren Risikogenen und Umwelteinflüssen führt zur Krankheit.
  • Welche Umwelteinflüsse beteiligt sind und welche Gene betroffenen sind, ist von Patient zu Patient verschieden.

Dank moderner Untersuchungsmethoden konnten mittlerweile über 300 Risikogene identifiziert werden, die potentiell mit der Entstehung von Colitis ulcerosa in Verbindung stehen2. Auffällig oft handelt es sich dabei um Gene, die die Erbinformation für Bestandteile des Immunsystems oder der Schleimschicht auf der Darmoberfläche beinhalten.

Ursachen für Colitis ulcerosa: Eine defekte Darmbarriere

Bei Patienten mit Colitis ulcerosa lässt sich in vielen Fällen eine veränderte Beschaffenheit der Schleimschicht (Mukus) auf der Schleimhautoberfläche beobachten. Diese ist bei Betroffenen typischerweise deutlich dünner als bei gesunden Menschen. Heute gilt ein solcher Defekt als eine der Ursachen für Colitis ulcerosa.

Unter normalen Umständen erfüllt die Mukusschicht die Funktion einer Barriere. Sie verhindert den direkten Kontakt der Schleimhautzellen mit eventuell schädlichen Fremdstoffen und bildet im Darm die erste Verteidigungslinie zum Schutz gegen Infektionen. Spezielle Stoffe, die in der Schleimschicht enthalten sind, spielen dabei eine entscheidende Rolle:

  • Phosphatidylcholin (PC): ein Fettmolekül, das den Mukus an die Darmschleimhaut bindet
  • Defensin: ein körpereigenes Antibiotikum, welches bakterielle Membranen (Außenhülle) zersetzt

Neue Erkenntnisse zur Ursache von Colitis ulcerosa:
Laut wissenschaftlichen Studien enthält der Dickdarmschleim von Patienten mit Colitis ulcerosa deutlich weniger Phosphatidylcholin als gewöhnlich. Experten vermuten, dass dieses Defizit maßgeblich zur Krankheitsentstehung beiträgt. An einer Möglichkeit, den Mangel künftig durch die Zugabe von Phosphatidylcholin in Form eines Medikaments auszugleichen, wird derzeit geforscht.3

Bei Störungen der Mukusbarriere ist die Darmoberfläche unzureichend gegen Fremdstoffe aus der Außenwelt geschützt. Im Verdauungstrakt enthaltene Bakterien sowie andere Bestandteile des Darminhalts (sowohl nützliche als auch potentiell schädliche) treten in direkten Kontakt mit der Darmwand und können eine übersteigerte Immunreaktion bewirken – die Folge ist die für Colitis ulcerosa charakteristische Darmentzündung.

Der Darm als Immunorgan

Um zu gewährleisten, dass Krankheitskeime im Verdauungstrakt schnell entdeckt und entfernt werden können, beinhaltet der Darm einen eigenen Immunsystemabschnitt. Man bezeichnet ihn als intestinales Immunsystem oder Darm-assoziiertes Immunsystem. Die Darmschleimhaut ist eine wichtige Berührungsfläche zwischen dem Körperinneren und der Außenwelt: Tagtäglich wird sie mit unzähligen fremden, aber zum Großteil nützlichen Stoffen konfrontiert. Dazu gehören neben Nahrungsbestandteilen auch über 500 Stämme sogenannter kommensaler Darmbakterien.1

Im Gegensatz zu den krankheitserregenden Arten sind kommensale Bakterien für uns in der Regel nicht schädlich, sondern sogar wertvoll. Sie ernähren sich von den Rückständen unserer Mahlzeiten und helfen uns im Gegenzug bei der Verdauung oder wehren Krankheitskeime ab. Doch sind sie nicht Teil unseres Körpers – das Immunsystem muss also lernen, die Bakterien als harmlos einzustufen. Die Tatsache, dass die Darmoberfläche sich nicht in einem Zustand konstanter Entzündung befindet, ist deshalb nicht selbstverständlich, sondern das Resultat komplexer Vorgänge, die auch heute noch nicht vollständig verstanden sind.

Fehlgeleitetes Immunsystem als Ursache für Colitis ulcerosa

Eine Entzündung stellt grundsätzlich eine natürliche Abwehrreaktion des Immunsystems zum Schutz vor gefährlichen Krankheitserregern und Schadstoffen dar. Auslöser von Entzündungsreaktionen sind normalerweise Reize, wie zum Beispiel eine Gewebeverletzung oder die Infektion durch Krankheitserreger. Spezielle Zellen des Immunsystems erkennen körperfremde und potentiell gefährliche Stoffe in ihrer Umgebung und setzen eine Kettenreaktion in Gang, um eventuelle Eindringlinge zu eliminieren. Doch nicht jede körperfremde Substanz ist gleichzeitig gefährlich. Der Körper muss zwischen harmlosen und schädlichen Substanzen sowie Krankheitskeimen unterscheiden – unser Darm nimmt hier eine ganz besondere Stellung ein.

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Die Ursache für Colitis ulcerosa ist eine Störung des Immunsystems. Genauer gesagt handelt es sich dabei um eine unverhältnismäßige Reaktion des Darm-assoziierten Immunsystems auf die natürliche Darmflora oder andere Stoffe, die während der Verdauung den Darm passieren. Die Gründe dafür sind sehr vielfältig und umfassen Defekte der Mukusschicht, genetische Anfälligkeit und verschiedene Umwelteinflüsse.

Gute Bakterien vs. schlechte Bakterien

Auch unsere Darmflora kann die Entwicklung von Colitis ulcerosa beeinflussen. So sind kommensale Bakterienstämme unter anderem beteiligt an der Nährstoffaufnahme, der Stärke der Mukusbarriere und der Reifung des kindlichen Immunsystems nach der Geburt. Aus diesem Grund kann auch eine falsche Zusammensetzung der Bakterienflora im Darm eine Ursache für den Ausbruch oder das Fortschreiten von Colitis ulcerosa darstellen.

Welche Arten von Mikroorganismen sich in unseren Darm ansiedeln, hängt von verschiedenen Faktoren ab und wird oft schon in der frühen Kindheit festgelegt. Eine Rolle spielen:

  • erbliche Grundlagen
  • Zusammensetzung des Mikrobioms der Mutter (Übertragung auf das Kind bei der Geburt)
  • Art der Geburt (natürlich oder Kaiserschnitt)
  • Art der Milchnahrung im Säuglingsalter (Stillen oder Fläschchen)
  • hygienische Umstände während der Kindheit (viel oder wenig Kontakt mit Fremdstoffen aus der Umgebung)

Gut zu wissen:
Lange Zeit suchten Forscher im Mikrobiom des Menschen nach einem krankheitserregenden Bakterium als Verursacher von Colitis ulcerosa – bislang ohne Erfolg. Heute vermutet man, dass es einen solchen Keim nicht gibt und chronisch entzündliche Darmentzündungen nicht als klassische Infektionskrankheiten betrachtet werden können.

Colitis ulcerosa-Ursache: Moderner Lebensstil

Umwelteinflüsse sind als Ursache für Colitis ulcerosa ebenso bedeutsam wie die genetische Komponente. Dabei hat sich über die letzten Jahre herauskristallisiert, dass Risikofaktoren, die für die Entstehung von entzündlichen Darmerkrankungen relevant sind, eines gemeinsam haben: Es handelt sich dabei außergewöhnlich oft um Merkmale des heutigen, westlichen Lebensstils. Mediziner vermuten, dass vor allem die folgenden Umstände der modernen Gesellschaft als Ursachen für Colitis ulcerosa betrachtet werden können:

  • hoher Medikamentenkonsum: Beispielsweise können Arzneimittel aus der Gruppe der nichtsteroidalen Entzündungshemmer (unter anderem Ibuprofen und Acetylsalicylsäure) zu einer Verschlimmerung von Colitis ulcerosa führen. Auch Antibiotika spielen eine große Rolle, da sie unter Umständen die natürliche Darmflora schädigen.
  • hohe Hygienestandards: Hygienische Maßnahmen können die Entstehung von Colitis ulcerosa fördern. Die Ursache ist eine unzureichende Konfrontation mit Fremdstoffen aus der Umwelt, was eine gestörte Entwicklung des Immunsystems begünstigt (vor allem im Kindesalter von Bedeutung). Eine mögliche Konsequenz sind übersteigerte Immunantworten bei Kontakt mit den Fremdstoffen im späteren Leben.
  • Ernährung: Es besteht ein Zusammenhang zwischen chronischen Darmentzündungen und einer besonders kohlenhydratreichen Ernährung (hoher Konsum an Getreide und Zucker). Inwiefern es sich dabei um eine ursächliche Beziehung handelt, steht noch nicht ganz fest.

Überraschende Tatsache:
Entgegen aller Vermutungen ist Rauchen keine Ursache für Colitis ulcerosa. Im Gegenteil – Nikotin kann sich sogar lindernd auf die Symptome einer bestehenden Erkrankung auswirken. Doch Vorsicht! Keinesfalls sollte das Betroffene dazu ermutigen, ihre Krankheit mit Zigaretten zu bekämpfen. Patienten mit Colitis ulcerosa haben ein erhöhtes Risiko, an Darmkrebs zu erkranken.

Das Rauchen wiederum begünstigt nicht nur eine ganze Reihe anderer Krankheiten, sondern erhöht auch zusätzlich die Wahrscheinlichkeit Darmkrebs zu bekommen.

Ursachen für Colitis ulcerosa – ein Fazit

Die große Anzahl der möglichen Ursachen für Colitis ulcerosa erschwert das Verständnis der Krankheitsentstehung, sowohl für Betroffene als auch für Fachleute. Klar ist, dass es sich meist um eine Kombination aus Risikofaktoren handelt, die sich zum Teil gegenseitig bedingen. Das Zusammenspiel der möglichen Auslöser, das letzten Endes zum Ausbruch der Krankheit führt, könnte zum Beispiel so aussehen:

Aufgrund der Vererbung bestimmter Risikogene ist die Darmbarriere gestört (dünnere Mukusschicht auf der Schleimhautoberfläche). Das wiederum erleichtert den direkten Kontakt von Darmbakterien und Nahrungsbestandteilen mit der Schleimhaut und bringt sie in Berührung mit dem Darm-assoziierten Immunsystem.

Wenn das Immunsystem nun ebenfalls einen Defekt aufweist, löst die Vielzahl an körperfremden, aber an sich ungefährlichen Fremdstoffen eine Entzündungsreaktion aus. Ob es zur fehlerhaften Aktivierung des Immunsystems kommt, wird wiederum durch Risikogene und Umwelteinflüsse (beispielsweise Hygiene in der Kindheit) bestimmt. Schließlich spielt auch die Zusammensetzung der Darmflora sowie die Menge der Bakterien im Darm eine Rolle.

 

1 Baumgart, Daniel/Carding, Simon: »Inflammatory bowel disease: cause and immunobiology« In: Gastroenterology. Nr. 369. 12 Mai, 2007. S. 1628
2 Degenhardt, F./Franke A.: »Genetik des Morbus Crohn und der Colitis ulcerosa. Aktueller Stand 15 Jahre nach Entdeckung von NOD2« In: Gastroenterologe. Nr. 12. 3 Januar 2017. S. 44.
3 Universitätsklinikum Heidelberg: Gastroenterologie, Infektionskrankheiten, Vergiftungen. URL: https://www.klinikum.uni-heidelberg.de/Lecithin-zur-Behandlung-chronisch-entzuendlicher-Darmerkrankungen.102390.0.html (07.02.2018)