Reizdarm: Behandlung mit Medikamenten – und was sonst noch hilft

Dauer, Intensität und Art der Beschwerden sind bei Betroffenen mit Reizdarm verschieden. Der eine leidet mehr unter Bauchschmerzen, der andere unter Verstopfung und Durchfall im Wechsel. Daher orientiert sich die Reizdarm-Behandlung stets an den im Vordergrund stehenden Symptomen und ist individuell auf den Patienten zugeschnitten. Doch was können Reizdarm-Betroffene tun, wenn Bauchschmerzen, Blähungen und andere Verdauungsprobleme den Alltag beherrschen?

Da bislang noch keine genauen Ursachen des Reizdarm-Syndroms bekannt sind, ist es noch nicht möglich, es durch eine bestimmte Behandlung zu heilen. Es geht vor allem darum, die Hauptbeschwerden bestmöglich zu lindern. Dazu werden verschiedene Therapieansätze genutzt, die sich aus Medikamenten, Ernährungstipps und Verhaltensmaßnahmen zusammensetzen.

Reizdarm-Behandlung mit Medikamenten

Ein Pärchen beugt Reizdarm-Problemen mit sportlicher Betätigung wie Radfahren vor.

Um bei der Behandlung des Reizdarms am Ball zu bleiben, ist es für Patienten zunächst wichtig, mit der gestellten Diagnose richtig umzugehen und diese für sich zu akzeptieren. Die diffusen Bauchbeschwerden bekommen dank der Diagnose einen Namen und sind keinesfalls nur „eingebildet“. Auch wenn hinter dem Reizdarm keine organische Erkrankung im eigentlichen Sinne steckt, gibt es eine Reihe von Arzneimitteln, die zwar den Reizdarm nicht heilen, aber die Beschwerden wie Blähungen, Verstopfung oder Durchfall lindern können.

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Ziel jeder Behandlung bei Reizdarm sollte es sein, die Symptome deutlich zu verbessern und mehr Lebensqualität zu gewinnen. Begonnen wird dabei mit dem am stärksten ausgeprägten Symptom, um später weitere begleitende Beschwerden anzugehen. Basis der Therapie ist die Leitlinie zur Behandlung des Reizdarm-Syndroms, die von der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) und der Deutschen Gesellschaft für Neurogastroenterologie und Motilität (DGNM) erstellt wurde. In der Leitlinie werden Handlungsempfehlungen für Ärzte und Patienten gegeben, die sich an den aktuellsten Therapiemöglichkeiten orientieren.

Was tun bei Verstopfung durch Reizdarm?

Zur Behandlung von Verstopfung werden Laxanzien eingesetzt, die abführend wirken. Es gibt verschiedene Wirkmechanismen:

  • Osmotische Laxanzien (zum Beispiel Bittersalz oder Natriumcitrat) steigern die Salzkonzentration im Darm (im Vergleich zum Blutplasma) und ziehen somit Wasser in den Darm, um die erhöhte Salzkonzentration auszugleichen. In der Folge wird die Stuhlkonsistenz geschmeidiger.
  • Isoosmotische Laxanzien (beispielsweise Macrogol) binden Wasser im Darm, ohne Salz- oder Wasserverlust. Sie machen den Stuhl weicher und gleitfähiger. Diese Laxanzien kommen oft bei der Behandlung des Reizdarms zum Einsatz, da sie den Darm nicht allzu sehr reizen.
  • Stimulierende Laxanzien (beispielsweise Anthranoide oder Bisacodyl) regen den Dünndarm an, Wasser und Salze in das Darminnere abzugeben. Das Volumen des Darminhalts wird somit größer und die Darmbewegung angeregt.
  • Zuckerhaltige Laxanzien (zum Beispiel Lactulose) sind eine Behandlungsoption, wenn Ballaststoffe als abführende Maßnahme nicht ausreichen oder der Patient mit Blähungen auf Ballaststoffe reagiert. Sie halten Wasser im Darm zurück, wodurch der Stuhl weicher wird.
  • Die meisten Laxanzien sind rezeptfrei in der Apotheke erhältlich. Allerdings sollten Sie sich vor einer Selbstmedikation beraten lassen, da einige Laxanzien Symptome wie Bauchschmerzen oder Blähungen verstärken können.

Eine weitere Option bei der Behandlung sind Prokinetika (zum Beispiel Prucaloprid), die die Transportaktivität des Dickdarms anregen und sich bei chronischer Verstopfung als effektiv erweisen können.

Was hilft bei Durchfall?

Geht der Reizdarm hauptsächlich mit Durchfall einher, sind Antidiarrhoika (zum Beispiel Loperamid) eine Behandlungsoption. Der Wirkstoff kann nach Bedarf oder regelmäßig eingenommen werden. Zur Behandlung des Reizdarm-Durchfalls kommen manchmal auch Medikamente zum Einsatz, die die Gallensäure binden, sowie Spasmolytika (krampflösende Mittel) oder Phytotherapeutika (pflanzliche Arzneimittel). Als pflanzliche Präparate sind zum Beispiel Erdrauchkraut, Schleifenblume oder Kurkuma zu nennen.

Was tun bei Bauchschmerzen und Bauchkrämpfen?

Begleiten Bauchschmerzen oder Bauchkrämpfe den Reizdarm, sind meist Spasmolytika das Mittel der Wahl. Sie können entweder an den Nervenzellen oder den Muskelzellen wirken. Werden Spasmolytika bei Reizdarm zur Behandlung eingesetzt, bremsen sie die Aktivität der Darmmuskulatur und sorgen dafür, dass die Kontraktionen des Darms sowie die Transportgeschwindigkeit verlangsamt stattfinden und die Darmmuskulatur erschlafft. Bauchschmerzen und Bauchkrämpfe können nachlassen. Krampflösende Mittel sollten nicht länger als vier bis sechs Wochen am Stück eingenommen werden.

Schlagen Spasmolytika bei der Therapie des Reizdarms nicht an und sind die Bauchschmerzen sehr stark, können Antidepressiva vom Arzt verschrieben werden. Diese Mittel werden normalerweise bei Depressionen verordnet. Sie kommen aber auch bei der Schmerzbehandlung zum Einsatz, wenn andere Mittel keine Wirkung zeigen. Zu Beginn der Antidepressiva-Behandlung müssen die Mittel langsam eingeschlichen werden. Das heißt, der Arzt wählt die Dosis am Anfang klein, um sie nach und nach zu steigern, damit sich der Körper daran gewöhnen kann.

Schmerzmittel wie Ibuprofen, Paracetamol und Acetylsalicylsäure sind bei Bauchschmerzen, die durch einen Reizdarm entstehen, nicht oder nicht ausreichend wirksam. Sie können auch zu Nebenwirkungen im Magen-Darm-Bereich führen und sind daher bei der Behandlung eines Reizdarms nicht empfehlenswert.

Was hilft bei Blähungen durch Reizdarm?

Bei Blähungen finden sogenannte Entschäumer Verwendung. Sie sorgen dafür, dass die Luft im Darm besser in die Blutbahn und von dort in die Lunge zum Ausatmen gelangt. Allerdings helfen Entschäumer bei Reizdarm nicht immer. Manchmal sind stattdessen auch Antibiotika sinnvoll, die nur im Darm wirken. Sie sollen die bakterielle Besiedlung des Darms und somit auch die Gasbildung reduzieren. Eine weitere Theorie ist, dass damit auch pathologische Keime beseitigt werden, die möglicherweise zu den Reizdarm-Beschwerden führen.

Reizdarm-Behandlung mit Probiotika?

Als Probiotika werden Arzneimittel oder Lebensmittel bezeichnet, die lebensfähige Mikroorganismen enthalten, wie zum Beispiel Hefepilze oder Milchsäurebakterien und andere nützliche Darmbakterien. In Arzneimitteln kommen sie hochdosiert vor und spielen auch bei der Reizdarm-Behandlung eine tragende Rolle. 

Verschiedene Studien kommen zu dem Ergebnis, dass Reizdarm-Patienten von der Probiotika-Einnahme profitieren können, da sich Beschwerden wie Durchfall, Bauchschmerzen, Verstopfung oder Blähungen lindern lassen. Auch wenn die Reizdarm-Ursachen nicht eindeutig geklärt sind, ist erwiesen, dass sich die Darmflora von Reizdarm-Patienten von der bei gesunden Personen unterscheidet. Hier setzen die Probiotika an, welche die Darmflora günstig beeinflussen. Außerdem kommen sie dem Körper zugute, da sie beispielsweise das Wachstum schädlicher Keime und deren Anhaftung an die Darmschleimhaut hemmen, Entzündungen lindern, das Immunsystem stärken und die Darmbewegung verbessern.  

Ernährungstipp: Ballaststoffe fördern die Verdauung

Ballaststoffe sind wichtige Bestandteile der Ernährung, auch wenn diese unverdaut wieder ausgeschieden werden. Wozu werden sie dann gebraucht? Für den Verdauungsvorgang sind Ballaststoffe wichtig, da sie das Volumen und den Transport des Stuhls durch Wasserbindung im Darm regulieren. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung e.V. empfiehlt, täglich mindestens 30 Gramm Ballaststoffe2 zu sich zu nehmen, um regelmäßigen Stuhlgang mit normaler Konsistenz zu fördern. Besonders reich an Ballaststoffen sind Obst, Gemüse und Produkte aus Getreide.

Das Vorurteil, dass Ballaststoffe zu Blähungen führen, ist nicht ganz richtig. Hülsenfrüchte gehören zu den Vertretern, die mit einer gesteigerten Darmgasproduktion einhergehen. Weizenkleie und Flohsamen dagegen beispielsweise nicht. Sie sind besonders bei Reizdarm zu empfehlen und können die Behandlung mit Medikamenten bei leichteren Beschwerden unnötig machen. Wer viele Ballaststoffe isst, sollte darauf achten, genügend Flüssigkeit aufzunehmen, damit sie ausreichend Wasser im Darm binden und ihre verdauungsfördernde Wirkung entfalten können.

Reizdarm – was hilft noch?

Eine gesunde Lebensweise mit wenig Alkohol und Zigarettenkonsum ist eine gute Voraussetzung, den Symptomen bei Reizdarm keinen Vorschub zu leisten. Manchmal reicht das neben der Behandlung mit Medikamenten dennoch nicht aus, um mit den Beschwerden zurechtzukommen. Befinden Sie sich in einer schwierigen Lebensphase, stehen Ihnen psychotherapeutische Maßnahmen wie eine Gesprächs- oder Verhaltenstherapie zur Verfügung. Unter professioneller Anleitung können Strategien entwickelt werden, mit dem Reizdarm-Syndrom zu leben und Probleme des Alltags zu bewältigen.

Einige Betroffene setzen bei der Reizdarm-Behandlung auch auf alternative Methoden wie Homöopathie oder Hausmittel. Kräutertees sind zum Beispiel beliebt bei Magen-Darm-Beschwerden. Ein Tee aus Fenchel, Anis und Kümmel kann beruhigend auf den Darm wirken und Blähungen lösen. Salbeitee hat sich dagegen bei Durchfall bewährt.

 

1 Gemeinsame Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) und der Deutschen Gesellschaft für Neurogastroenterologie und Motilität (DGVS). URL: https://www.dgvs.de/wp-content/uploads/2016/11/Leitlinie_Reizdarmsyndrom.pdf (15.02.2018)
2 Deutsche Gesellschaft für Ernährung e.V.: Kohlenhydrate, Ballaststoffe. URL: https://www.dge.de/wissenschaft/referenzwerte/kohlenhydrate-ballaststoffe (15.02.2018).