FODMAP-Diät? Prof. Dr. Storr erläutert sie im Interview

Die FODMAP-Diät kann Beschwerden wie Durchfall, Blähungen oder Bauchschmerzen lindern. Warum Reizdarmpatienten dieser Diät Beachtung schenken sollten und wie sie sich konkret umsetzen lässt – darüber spricht Prof. Dr. Storr im Interview.

Über den Interviewpartner

Prof. Dr. Storr im Interview zur FODMAP-Diät.

Prof. Dr. Martin Storr ist Facharzt für Innere Medizin und Gastroenterologie (medizinisches Teilgebiet, das sich mit dem Magen-Darm-Trakt befasst) am Internistenzentrum in Starnberg. Vor allem hilft er dort Patienten mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen, Nahrungsmittelunverträglichkeiten oder funktionellen Magen- und Darmbeschwerden wie Durchfall oder Blähungen weiter. Er zählt zu den Pionieren der FODMAP-Diät. Sein Fachwissen über diese Form der Ernährung teilt Prof. Dr. Storr mit seinen Patienten unter anderem in dem von ihm veröffentlichten Buch „Reizarme Ernährung“.



Herr Prof. Dr. Storr, was sind FODMAPs?
FODMAPs sind kurzkettige Kohlenhydrate beziehungsweise bestimmte Nahrungsbestandteile, die unsere Darmflora sehr schätzt. Ihre Darmbakterien stürzen sich regelrecht auf diese Bestandteile. Dabei produzieren sie Gase und andere Substanzen, die den Stuhl zu weich machen.

FODMAP: Für was stehen die einzelnen Buchstaben?
Das Wort FODMAP ist ein Akronym für fermentierbare („F“) Oligo-, Di-, Monosaccharide und Polyole. Das sind alles, bis auf Polyole (Zuckeralkohole), Bezeichnungen von Kohlenhydraten – also echten Zuckerketten.
Der Buchstabe „O“ steht für Oligosaccharide. Damit sind Zuckerketten gemeint, die zwischen zwei und zehn Zuckerringe haben. Zucker sind chemisch gesehen Ringe, die Ketten bilden können. Unter die Oligosaccharide fallen Galactooligosaccharide, Fructooligosaccharide und Inuline.
„D“ ist der Stellvertreter für Disaccharide – Zucker aus zwei Ringen. Das ist im Großen und Ganzen die Laktose.
Das „M“ meint Monosaccharide – Zucker mit einfachen Ringen. Im Rahmen der FODMAP-Diät die Fruktose.
Das „A“ steht für das englische „and“.
Der Buchstabe „P“ für Polyole. Das sind Zuckeralkohole.


Welche Beschwerden können FODMAPs denn verursachen?
Zusammengefasst den ganzen Beschwerdekomplex, der mit Blähungen zusammenhängt: vorgewölbter Bauch, Blähbauch oder Flatulenz (Entweichung von Gasen). Und damit einhergehend auch ein Druck im Bauch – bemerkbar als Bauchschmerzen.Darüber hinaus verursachen FODMAPs durchaus einen weichen Stuhl, der sich bis hin zum Durchfall entwickelt. Stuhldrang – das Gefühl nach dem Essen sofort auf die Toilette gehen zu müssen – kommt auf. Des Weiteren bedingt die Kombination aus Blähungen und weichem Stuhl krampfartige, wellenförmige Bauchschmerzen.

Die genannten Beschwerden spielen doch auch beim Reizdarm eine Rolle, oder?
Genau. All diese Beschwerden sind bei Patienten mit einem Reizdarm typisch. Jedoch treten sie darüber hinaus beispielsweise bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen, Nahrungsmittelunverträglichkeiten oder einer Überempfindlichkeit gegenüber Gluten in Erscheinung.

Die FODMAP-Diät – für wen empfiehlt sie sich?
Diese Diät eignet sich für alle, die sogenannte funktionelle Bauchbeschwerden haben. Eigentlich handelt es sich bei der FODMAP-Diät um eine medizinische Kostform.

Bedeutet das, dass eine FODMAP-Diät einen Behandlungsaspekt hat und damit keine Mode-Diät ist?
Diese Aussage stimmt. Die FODMAP-Diät ist eine medizinische Diät. Sie grenzt sich klar von Mode-Diäten wie der Keto-Diät oder Paleo-Diät ab.

Ein Reizdarm lässt sich also mit der FODMAP-Diät heilen?
Leider nein – das wäre zu schön! Das Reizdarmsyndrom entsteht durch mehrere Faktoren. Daher gibt es auch nicht die eine Lösung. Behandlungsmaßnahmen zielen vielmehr auf die Besserung der Beschwerden ab. Und die FODMAP-Diät schafft das oft sehr gut.

Welches Prinzip steckt hinter einer FODMAP-Diät?
Ursprünglich wurde darüber nachgedacht, über was sich die Bakterien im Darm besonders freuen. Denn immer, wenn sie das tun, beginnen sie damit, Blähgase zu produzieren.
Identifiziert hat man kurzkettige Kohlenhydrate. Befinden sich große Mengen davon in Lebensmitteln, ist das wie ein „Happy Meal“ für die Bakterien der Darmflora. Sie beginnen vor Freude damit, Gase und andere Beschwerden auslösende Substanzen herzustellen. Folglich bereitet eine Kost mit geringeren Mengen an kurzkettigen Kohlenhydraten weniger Probleme.


Was sollten Patienten beim Bewerten von Lebensmitteln im Hinterkopf haben?
Jedes Lebensmittel muss einzeln betrachtet werden. Zudem spielt auch die durchschnittliche Portionsgröße eine Rolle.

Wenn ich das weiß, kann ich dann einfach in den Supermarkt gehen und bestimmte Nahrungsmittel als FODMAP-arm oder FODMAP-reich einordnen?
Keiner von uns kann einfach in den Supermarkt gehen und aus dem Bauch heraus sagen: „Dieses Lebensmittel ist FODMAP-reich.“ Dass die Pommes frites aus der Tiefkühltruhe ungesund und fettig sind, erkennt man hingegen schon eher.
Beim Einordnen von Lebensmitteln in FODMAP-arm oder FODMAP-reich helfen zum Beispiel entsprechende Tabellen aus einem Buch.


Müssen Personen, die eine FODMAP-Diät machen, ihr ganzes Leben lang auf bestimmte Lebensmittel verzichten?
Nein. Denn hinter der FODMAP-Diät steckt ein ausgetüfteltes System.

Welches System genau?
Es gibt drei Phasen:

In der ersten Phase ernährt man sich sechs Wochen lang streng nach den Lebensmitteltabellen. Nahrungsmittel, die auf den roten Listen erscheinen – also FODMAP-reich sind – werden vermieden und Lebensmittel, die auf der grünen Seite stehen, gegessen.
Danach geht es in die zweite Phase über. In dieser integriert man einzelne, FODMAP-reiche Nahrungsmittel wieder in die Ernährung. Dadurch kann ein Patient individuell abschätzen, wie er auf bestimmte Lebensmittel reagiert.
Die dritte Phase ist eine individualisierte FODMAP-Diät. Es wurde nun erlernt, welche Lebensmittel vertragen werden und welche nicht.


Das Ziel ist also die dritte Phase der FODMAP-Diät, richtig?
Ja. Dann haben Patienten auf Basis der FODMAP-Diät individuell für sich herausgefunden, wo die eigene Lebensmittelverträglichkeitsschwelle liegt. Unverträgliche Nahrungsmittel, die sie sich in der zweiten Phase erarbeitet haben, werden eingeschränkt. Betroffene erreichen dann den Punkt, an dem sie mit einer sehr guten Lebensqualität ihren Alltag bestreiten können.

Das hört sich alles kompliziert an.
Im ersten Moment klingt die FODMAP-Diät sehr anstrengend und schwierig. Wenn man jedoch einmal mehr darüber gelesen hat, ist sie ausgesprochen einfach umsetzbar. Ganz einfach sogar.

Wie können Patienten sich das neu erworbene Wissen merken?
Es hilft, eine Art Tagebuch zu führen. Der angeeignete Wissensschatz bleibt darin ein Leben lang erhalten.

Das Essen bei einer FODMAP-Diät ist bestimmt komisch.
Nein. Ganz im Gegenteil – es ist völlig normal. Wenn Patienten eine Liste mit FODMAP-armen Lebensmitteln sehen, sind sie im Endeffekt überrascht darüber, wie umfangreich sie tatsächlich noch essen dürfen. Gemüse, Obst, Ei, Fleisch – es ist eigentlich alles mit dabei.

Das heißt, eine Mahlzeit im Rahmen der FODMAP-Diät kann sogar schmecken.
Ein typisches Frühstück in der ersten Phase wäre zum Beispiel ein Haferporridge mit Himbeeren. Das hört sich doch lecker an!

Kann ich eine FODMAP-Diät selbstständig machen oder benötige ich dafür einen Ernährungsberater?
Wenn man sich ein angemessenes Buch organisiert, reicht dieses im Prinzip völlig aus. Ein Ernährungsberater ist vor allem dann hilfreich, wenn eine Person in der zweiten Phase Schwierigkeiten bei der Wiedereinführung von Lebensmitteln hat. Die erste Phase ist ansonsten sehr leicht zu erlernen.
Im Übrigen rate ich zu einem Buch, weil ein Laie dort eher als im Internet erkennen kann, ob der Inhalt wirklich fachlich ist.


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Was gibt es noch in Sachen Ernährungsberater zu sagen?
Die meisten von ihnen kosten etwas. Zwar gibt es 48 Krankenkassen in Deutschland, die eine Zu- oder Vollzahlung übernehmen, jedoch tragen sehr viele Krankenkassen nichts zu einer Ernährungsberatung bei.
Darüber hinaus befindet sich ein speziell ausgebildeter FODMAP-Ernährungsberater nicht immer in der Nähe. Da ein Patient in der Regel jedoch fünf Beratungssitzungen hat, bietet es sich an – um nicht die ganze Zeit im Auto oder Zug zu sitzen – einen Berater aus der Umgebung aufzusuchen.


Wenn ich eine FODMAP-Diät machen möchte, an wen kann ich mich wenden, um zu erfahren, ob sie für mich geeignet ist?
Der ideale Ansprechpartner ist der Hausarzt, wenn jemand eine FODMAP-Diät ausprobieren möchte und nicht weiß, ob diese sinnvoll ist. Anhand des Beschwerdebildes wird dieser sehr gut einschätzen, ob ein Patient doch einmal mit einer Diät anfangen sollte. Dieses Thema kann man nicht mit dem Apotheker oder Nachbarn am Gartenzaun besprechen.

Herr Prof. Dr. Storr, Sie haben uns schon viel zum Thema FODMAP-Diät verraten. Jetzt wäre es noch interessant zu wissen, was denn allgemeine Empfehlungen für einen gesunden Darm sind?
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung e. V. empfiehlt eine ausgewogene Mischkost, die Eiweiße (Proteine), Fette und Kohlenhydrate beinhaltet. Wenn die Darmflora zusätzlich gepflegt werden soll, ist es hilfreich, wasserlösliche Ballaststoffe wie Flohsamenschalen, Haferflocken, oder geschrotete Leinsamen zu ergänzen.

Inwiefern beeinflusst das die Darmflora?
Man weiß, dass sich eine gesunde Darmflora, die Laktobazillen und Bifidobakterien enthält, durch wasserlösliche Ballaststoffe sehr gut regenerieren kann.

Und warum setzen viele Menschen auch auf Probiotika?
Weil Probiotika die Darmflora unterstützen können. Die lebensfähigen Bakterien helfen dabei, Darmfunktionen zu regulieren. Ideal ist die Einnahme eines klinisch getesteten Probiotikums.

Klinisch getestet? Dann gibt es also probiotische Nahrungsergänzungsmittel mit Darmflora unterstützenden Bakterien?
Korrekt. Probiotika in Form von Nahrungsergänzungsmitteln existieren – zum Beispiel in Kapselform oder in Wasser auflösbar. Darüber hinaus gibt es auch probiotische Lebensmittel.

Ist die Einnahme eines Probiotikums mit einer FODMAP-Diät denn kombinierbar?
Ja, denn die Reizdarmtherapie basiert auf mehreren Säulen:

Die erste ist die Ernährungstherapie. Oftmals tritt allein durch eine Ernährungsumstellung eine Besserung ein – andere Maßnahmen benötigt man dann nicht unbedingt.
Falls dem nicht so ist – auf viele Patienten trifft dieser Fall zu –, bestehen weitere Optionen: zum einen aktive Behandlungsverfahren wie Reizdarmyoga, Achtsamkeitsmeditation für den Reizdarm oder Darmhypnose (eine Art autogenes Training für den Darm) und zum anderen die Einnahme von Präparten wie Probiotika, Phytotherapeutika (pflanzliche Heilmittel) oder chemisch definierte Wirkstoffe.


Dann in der Hoffnung, dass sich die Beschwerden ausreichend bessern?
Genau. Es ist sogar häufig so, dass der ein oder andere Reizdarmpatient mehrere Maßnahmen anwendet, also ein Reizdarmprogramm, und dadurch zum Erfolg kommt.

Herr Prof. Dr. Storr, haben Sie abschließend noch etwas, dass Sie den Lesern in Sachen FODMAP-Diät gerne mitgeben würden?
Besonders wichtig ist es, Ruhe zu bewahren. Die FODMAP-Diät sollte ordentlich und langfristig genug erfolgen. Meistens lässt sich erst nach einem Zeitraum von sechs Wochen sagen, ob eine Ernährungsumstellung hilft. Ein Patient wird nicht weiterkommen, wenn er gleich nach fünf Tagen zur nächsten Behandlungsmaßnahme springt.

Himbeer-Bananen Porridge

Portionen: 2

Zubereitungsdauer: 20 Minuten

Bild von Himbeer-Porridge

Zutaten:

  • 150 ml Milch (laktosefrei)
  • 200 g Haferflocken
  • 150 ml Wasser
  • 2 EL Zimtzucker
  • 1 Banane
  • 100 g Himbeeren
  • eine Prise Salz
  • etwas frische Minze

Zubereitung:

  1. Die Haferflocken mit einer Prise Salz sowie dem Wasser in einen Kochtopf geben und vermischen. Unter gelegentlichem Rühren die Haferflocken 10 bis 15 Minuten weich werden lassen.
  2. In der Zwischenzeit die Banane nach dem Schälen in Scheiben schneiden und die Himbeeren waschen.
  3. Die Hälfte des Zimtzuckers sowie die Milch zu den eingeweichten Haferflocken in den Kochtopf geben. Den Porridge langsam aufkochen und danach bei mittlerer Hitze für circa 5 Minuten kochen und eindicken. Dabei regelmäßig rühren.
  4. Den warmen Porridge auf zwei Schüsseln verteilen, die Bananenscheiben als auch Himbeeren hinzugeben. Abschließend mit dem restlichen Zimtzucker bestreuen und mit Minze garnieren.1

Weitere, für die FODMAP-Diät geeignete Rezepte, finden Sie beispielsweise in Prof. Dr. Storrs Buch „Reizarme Ernährung“.Anzeige

1Storr, Martin: Reizarme Ernährung. München: Digesta Verlag 2019. S. 39.