Der Reizdarm und seine möglichen Ursachen

Die Beschwerden eines Reizdarm-Syndroms sind vielfältig und können in ihrer Stärke und Dauer von Patient zu Patient unterschiedlich ausgeprägt sein. Ähnlich sieht es bei den möglichen Ursachen für einen Reizdarm aus: Sie sind nicht nur sehr verschieden, sondern teilweise auch noch gar nicht wissenschaftlich belegt. Dennoch sind einige Faktoren dafür bekannt, das Risiko für die Darmfehlfunktion zu erhöhen. Welche sind das?

Die genaue Ursache des Reizdarms ist bisher nicht bekannt

Ein Arzt untersucht  im Labor die Mikroorganismen eines Darms.

Die Ursachen des Reizdarms sind bis heute noch nicht eindeutig geklärt. Wissenschaftler gehen davon aus, dass es die eine Ursache auch gar nicht gibt – verschiedene Einflüsse tragen zur Entstehung der Funktionsstörung des Darms bei

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  • Veränderungen der Darmflora (natürliche Besiedlung durch Mikroorganismen im Darm)
  • Überempfindlichkeit des Darms (auf Lebensmittel, Stress, Ausdehnung)
  • vorausgegangene Magen-Darminfekte
  • Mikroentzündungen des Darms
  • psychische Einflüsse
  • Nahrungsmittelunverträglichkeiten
  • erbliche Veranlagung

Bei einigen der genannten Auslöser ist noch nicht abschließend geklärt, ob sie tatsächlich Ursache oder vielleicht sogar Folge des Reizdarms sind.

Motilitätsstörungen: Wenn sich der Darm zu schnell oder zu langsam bewegt

Die Bewegung des Darms wird durch die Darmmuskeln ermöglicht und sorgt dafür, dass der Darminhalt kontinuierlich weiter Richtung Ausgang transportiert wird. Ist dieser Vorgang gestört, kommt es zur sogenannten Motilitätsstörung, die zu den möglichen Ursachen des Reizdarms zählt. Der Darm arbeitet dann entweder zu schnell oder zu langsam. Wird der Nahrungsbrei zu schnell weiterbefördert, entsteht oft Durchfall, weil der Darm nicht genügend Zeit hat, die noch zu verdauenden Bestandteile einzudicken. Ist der Transport dagegen verlangsamt, kann Verstopfung die Folge sein. Dem Nahrungsbrei im Darm wird dann bei der Verdauung zu viel Wasser entzogen, sodass der Stuhl eine zu feste Konsistenz annimmt und der Toilettengang erschwert stattfindet.

Veränderung der Darmflora als Ursache für einen Reizdarm?

Die Darmflora (medizinisch auch: intestinale Mikrobiota) beschreibt die Gesamtheit der ansässigen Mikroorganismen (Bakterien, Pilze, Viren) im Darm. Sie erfüllt lebenswichtige Aufgaben, da die Darmbesiedlung zur Entwicklung und zum Erhalt des Immunsystems beiträgt, gegen Krankheitserreger schützt und die Verdauung unterstützt.

Wie sich die Mikrobiota aufbaut, ist individuell verschieden. Bei jedem Menschen ist sie in etwa zu zwei Dritteln ähnlich, während sich das übrige Drittel stark unterscheidet.[1] Die genaue Zusammensetzung der Darmbewohner ist unter anderem abhängig vom Lebensalter, den Ernährungsgewohnheiten und auch vom Krankheitsstatus. So weisen Patienten mit Reizdarm-Syndrom im Vergleich zu Gesunden Veränderungen der Mikrobiota auf. Beispielsweise ist die Anzahl an Laktobazillen und Collinsella erniedrigt. Ob das allerdings Ursache des Reizdarms oder Folge davon ist, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen.

Der Darm reagiert zu sensibel – viszerale Hypersensitivität

Bei der sogenannten viszeralen Hypersensitivität ist die Reizschwelle im Darm erniedrigt, er reagiert somit empfindlicher auf verschiedene Substanzen (Mikroorganismen, chemische Stoffe) oder auf Ausdehnung. Dies ist häufig bei Reizdarm-Patienten zu beobachten. Generell werden dabei zwei Phänomene unterschieden, die bei Reizdarm als Ursache infrage kommen: Bei der Hyperalgesie verspürt der Betroffene Schmerzen stärker als gewöhnlich; die Allodynie beschreibt eine Schmerzempfindung durch einen Reiz, der ansonsten zu keiner Reaktion führen würde. Solche Reize können Gase oder das Ausdehnen des Darms durch Verdauungsvorgänge sein.

Warum diese abnorme Reizwahrnehmung zustande kommt, ist bisher nicht erwiesen. Möglicherweise ist dafür eine Fehlsteuerung im Nervensystem des Darms („Bauchhirn“) verantwortlich oder aber die Verarbeitung der Reize im zentralen Nervensystem, also dem „Kopfhirn“. Eine Kombination aus beiden Fehlfunktionen wäre ebenfalls denkbar. Dann funktioniert die Kommunikation zwischen den beiden Systemen nicht richtig, was beispielsweise eine verlangsamte oder beschleunigte Darmtätigkeit zur Folge haben kann.

Infekte und Entzündungen des Darms

Unter einem postinfektiösen Reizdarm werden die Folgen einer akuten Enteritis, also einer akuten Durchfallerkrankung, verstanden. Die Infektion kann ursprünglich durch Bakterien oder Viren hervorgerufen worden sein. Bei etwa einem Drittel der Betroffenen tritt Monate bis Jahre nach der überstandenen Infektion ein Reizdarm auf.2 Eine wissenschaftliche Erklärung für diese Beobachtung steht noch aus. Es scheint aber einige Krankheitserreger zu geben, die zu den Ursachen eines postinfektiösen Reizdarms zählen. Dabei handelt es sich vor allem um diese klassischen Durchfallerreger:  

  • Salmonellen
  • Camylobacter
  • Escherichia coli
  • Shigellen

Aber nicht nur die Infektionen selbst zählen als Risikofaktor für funktionelle Darmbeschwerden. Die Einnahme eines Antibiotikums zu ihrer Behandlung kann dem Magen-Darm-Trakt ebenfalls zusetzen und für einen längeren Zeitraum eine Reizdarmsymptomatik auslösen.3 Diese lässt wieder nach, sobald sich die normale Darmflora wieder eingestellt hat.

Die Psyche wirkt sich auf die Beschwerden aus

Die Psyche spielt eine wesentliche Rolle bei der Ausprägung der vorhandenen Reizdarmproblematik. Sie kann die Verdauung so sehr beeinflussen, dass Beschwerden sich verschlechtern oder stärker vom Betroffenen wahrgenommen werden. Stress und Ärger führen unter anderem dazu, dass sich die Bewegungen der Muskeln in Magen und Darm verändern, sodass der Speisebrei beispielsweise zu schnell transportiert wird und Bauchschmerzen, Krämpfe oder Durchfall entstehen. Als alleinige Ursache des Reizdarms reichen psychische Faktoren allerdings nicht aus.

Gibt es Ursachen, die den Reizdarm verstärken?
Nicht immer leiden Reizdarm-Patienten unter den Beschwerden gleich stark. Oft variieren die vorhandenen Symptome, wechseln sich ab oder treten in unterschiedlichen Zeitintervallen auf. Es gibt einige Faktoren, die dazu führen, dass sich die Problematik verstärkt. Dazu zählen:

  • Stress oder andere belastende Situationen
  • bestimmte Nahrungsmittel
  • Medikamente (als Nebenwirkung)

Damit sich der Reizdarm bessern kann, sollten Sie versuchen, die genannten Auslöser nach Möglichkeit zu meiden. Bei Stress können beispielsweise Entspannungsübungen wie Yoga oder Autogenes Training helfen. Sollte ein Medikament in Verdacht stehen, die Beschwerden zu verschlimmern, sprechen Sie Ihren behandelnden Arzt darauf an.

Nahrungsmittelunverträglichkeiten

Oft kommt es vor, dass bei Reizdarm-Betroffenen auch Nahrungsmittelunverträglichkeiten vorliegen. Ob sie allerdings eine Ursache sind oder unabhängig vom Reizdarm auftreten, ist nicht eindeutig zu sagen. Wenn im Rahmen der Unverträglichkeit Bestandteile aus der Nahrung wie Milchzucker, Fruchtzucker, Sorbit oder Histamin nicht vertragen werden, kann das allerdings die Reizdarm-Problematik verschlimmern.  

Erbliche Veranlagung

Sind nahe Verwandte von Reizdarm betroffen, so steigt die Wahrscheinlichkeit deutlich an, selbst das Krankheitsbild zu entwickeln. Untersuchungen deuten darauf hin, dass in diesem Fall bestimmte Gene Veränderungen aufweisen, die an der Kontrolle der Darmbewegung beteiligt sind. Doch als alleinige Ursache des Reizdarms kommt die erbliche Veranlagung nicht infrage. Vielmehr scheint es ein Zusammenspiel aus Vererbung und anderen individuellen Faktoren (zum Beispiel Aufbau der Darmflora, Infektionen, Psyche) zu sein, das zum Reizdarm führt.

Fazit: Die genauen Ursachen des Reizdarms müssen noch erforscht werden. Es gibt allerdings verschiedene Faktoren, die das Risiko erhöhen, an Reizdarm zu leiden. Am wahrscheinlichsten ist es, dass erst das Zusammenspiel verschiedener Auslöser zum Erscheinen eines Reizdarms führt. Bisherige Beobachtungen zeigen, dass Betroffene oft eine veränderte Darmbewegung aufweisen und der Darm schmerzempfindlicher reagiert als beim Gesunden.

 

1 Gesellschaft für Mukosale Immunologie und Mikrobiom e.V.: Darmmikrobiota – Was ist das? URL: http://www.dgmim.de/fileadmin/CONTENT/DGMIM_Flyer_Darmmikrobiota.pdf (20.02.18).
2 Magen-Darm-Infekte für Reizdarmsyndrom (RDS) verantwortlich. URL: http://www.medizinauskunft.de/artikel/diagnose/krankheiten/Magen_Darm_Niere/reizdarm_22_08_12.php (15.02.18).
3 Reizdarm durch veränderte Darmflora bedingt? URL: https://www.aerzteblatt.de/archiv/62462/Reizdarm-durch-veraenderte-Darmflora-bedingt (15.02.18).